„HOW TO TALK…ÜBER PSYCHISCHE ERKRANKUNGEN”

Waren Sie schon einmal in der Situation, dass Ihnen an einer Person, mit der Sie zusammenarbeiten, eine emotionale Veränderung aufgefallen ist? Vielleicht war sie gestresster, häufig abwesend, leicht irritierbar oder hat sogar in der Arbeitszeit geweint.

Selbst Angehörige fühlen sich meist unsicher und wissen nicht, wie sie ein Gespräch angehen sollen, wenn sie psychische Belastungen und Auffälligkeiten beobachten. Neben dem „Ich weiß nicht wie!“ gibt es die Sorge, die Thematik durch das Ansprechen zu verschlimmern. Gerade im Arbeitskontext ist die Verunsicherung häufig groß und es kommen weitere Bedenken hinzu, z.B. dass es sich „nicht gehört“ Kolleg:innen auf etwas Persönliches und Emotionales anzusprechen.

Dabei ist ein Gesprächsangebot eine sehr wertschätzende und hilfreiche Unterstützungsgeste. Wenn man sich zuvor ein paar Dinge bewusst macht, wird das Risiko, etwas zu verschlimmern, unbedeutend im Vergleich zu der enormen Chance etwas Gutes zu tun.

WAS IST DAFÜR WICHTIG ZU WISSEN

Unsicherheit ist völlig normal

Es ist nicht verwunderlich, dass es uns so schwerfällt, psychische Belastungen anzusprechen, denn wir haben es nie gelernt. Während fast jede:r z.B. im Rahmen des Führerscheins einen Erste-Hilfe-Kurs besuchen muss, lernen die Wenigsten, wie man bei psychischen Erkrankungen vorgeht. Dabei zeigt die Statistik, dass jede:r Dritte in Deutschland mindestens einmal im Leben betroffen ist.

Der richtige Rahmen

Zuallererst ist es wichtig, den richtigen Rahmen für ein derartiges Gespräch zu schaffen. Nie zwischen Tür und Angel und immer unter vier Augen. Es geht darum einen Raum zu schaffen, in dem die:der Betroffene sich sicher fühlt und keine Angst vor negative Konsequenzen hat. Die Kaffeeküche ist eher nicht geeignet, aber vielleicht ist ein störungsfreien Büro-/Meetingraum verfügbar?

Eine hilfreiche innere Haltung

Neben einer vertrauensvollen Atmosphäre ist es vor allem wichtig, der betroffenen Person ehrliches Interesse und Mitgefühl zu zeigen. Dafür müssen wir uns bewusst werden, mit welchem Ziel und aus welcher Motivation heraus wir das Gespräch führen wollen. Sind wir eigentlich enttäuscht oder sogar wütend, dass die Person in letzter Zeit weniger Arbeit geschafft hat und deshalb mehr an uns hängen bleibt? Oder haben wir ehrliches Mitgefühl und Interesse daran, wie es unserem Gegenüber geht?

Es ist vollkommen normal, dass das Verhalten anderer auch in uns selbst Emotionen auslöst. Wir sollten uns dieser bewusst sein, bevor wir ein solches Gespräch aufsuchen. Eventuell sollte man sich zuerst etwas „abkühlen“, um gegenüber der:dem Betroffenen Mitgefühl und Verständnis zu zeigen? Prüfen Sie zunächst, ob Sie der Person innerlich „erlauben“, eine Belastung, ein emotionales Loch, ein psychisches Leiden zu empfinden.

Beobachtungen statt Bewertungen

Viele Menschen haben bereits schlechte Erfahrungen gemacht, wenn sie sich in ihrer Vulnerabilität gezeigt haben. Es ist deshalb wichtig, dass die andere Person sich nicht angegriffen fühlt. Am besten schaffen Sie dies, indem Sie wertfrei schildern, welche Beobachtungen Sie konkret gemacht haben, ohne daraus bereits Schlussfolgerungen zu ziehen. Allgemein hilft es, konkrete Beispiele zu nennen und von Verallgemeinerungen und Vermutungen abzusehen. So können wir z.B. die Beobachtung schildern, dass unser Gegenüber in den letzten Wochen des Öfteren zu spät kam oder zunehmend Deadlines nicht einhalten konnte. Wenn sich eine persönliche Interpretation nicht vermeiden lässt, sollte diese in der Ich-Perspektive geschildert werden.  Zum Beispiel: „Ich hatte den Eindruck, dass du in letzter Zeit häufig traurig/gereizt/überlastet warst.“

Wichtig: Stellen Sie keine Diagnosen oder Vermutungen über mögliche Diagnosen an! Das überlassen wir den Expert:innen.

Von offenen Fragen, Geduld und Mitgefühl

Anschließend fragt man die betroffene Person mit offenen Fragen nach ihrer eigenen Perspektive zu den genannten Situationen: „Wie siehst du das?“ Auch die simple Frage „Wie geht es dir (damit)?“ ist hilfreich. Besonders wenn sie auch ein zweites Mal gestellt wird, vielleicht nach einer ersten ausweichenden Antwort. „Und wie geht es dir wirklich?“

Nun geht es vor allem um eines: Geduldig zuhören und Mitgefühl zeigen. Oft braucht es eine Zeit des Schweigens, Weinens oder Rückversicherns, bevor Betroffene über ihr Problem sprechen können.

Neben Geduld müssen wir in diesem Schritt vor allem Vertrauen mitbringen. Vertrauen dahingehend, dass unser Gegenüber die Wahrheit sagt. Nur so bleibt das Gespräch offen und die:der andere hat das Gefühl verstanden zu werden. Unstimmigkeiten in der Perspektive von nahestehenden Personen und der betroffenen Person selbst, können später geklärt werden. In diesem ersten Schritt geht es darum, das Thema besprechbar zu machen.

Lösen Sie sich von dem Druck, verstehen zu müssen. Selbst im Austausch über weniger schwierige Themen können wir ja oftmals unsere Mitmenschen mit ihrer Perspektive nicht verstehen. Aber Verständnis haben geht auch ohne Verstehen.

Wie kann man helfen?

Auch Ratschläge können Schläge sein. Lösen Sie sich von dem Gedanken, von Ihnen würden nun Lösungen erwartet. In dem man Betroffenen mit Mitgefühl und einem offenen Ohr statt Vorwürfen oder Mitleid begegnet, tut man bereits viel. Es ist nur menschlich, dass wir darüber hinaus auch helfen wollen. Hilfe sollten wir allerdings nur dann anbieten, wenn wir dies wirklich ernst meinen und bereit sind, Zeit und Energie dafür zu investieren. In den meisten Fällen wird es sinnvoller sein, die betroffenen Person darin zu unterstützen, sich selbst Hilfe zu suchen. (Einen Leitfaden zur kompetenten Weitervermittlung finden Sie hier.)

Floskeln, die helfen wollen, wie „Das wird schon wieder“ oder ungefragte Tipps, führen hingegen eher zu Verletzung, weil sie signalisieren, dass die Schwere des Leidens nicht ernst genommen wird.

Einen kleinen Impuls zum Thema „Sympathy vs. Empathy“ (Mitleid vs. Empathie) finden Sie hier:

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Es ist nur ein Angebot

Auch wenn das Leiden bereits groß scheint: Jede:r hat das Recht sich in psychischen Krisen keine Hilfe zu suchen. Wer also in seinem Gesprächs- oder Hilfeangebot abgelehnt wird, sollte dies erstmal nicht persönlich nehmen. Nur in absoluten Notfällen gilt es Hilfe hinzuzuholen, auch wenn die betroffene Person dies nicht möchte. Dies gilt zum Beispiel, wenn die Person droht sich umzubringen oder körperlich aggressiv gegenüber anderen wird. In allen anderen Fällen kann es die Person sogar in ihrer eigenen Verantwortung stärken, wenn wir ihren Wunsch aktuell keine Hilfe anzunehmen respektieren und ihr auch dafür Verständnis zeigen. Vielleicht möchten Sie an der Stelle ihrem Gegenüber noch zeigen, dass es sich um ein unbefristetes Angebot handelt: „Wenn dir zu einem anderen Zeitpunkt nach einem Gespräch ist, kannst du jederzeit auf mich zukommen.“

Und selbst, wenn die erste Reaktion ablehnend wirkt, kann es gut sein, dass Ihr Gesprächsangebot etwas in Gang gesetzt hat – auch wenn Sie an dem weiteren Prozess nicht beteiligt sind. Alles braucht seine Zeit.

(Arbeits-)Kultur ist wandelbar

Widerstände und Offenheit gegenüber psychischen Erkrankungen entstehen nicht nur auf individueller Ebene. Entscheidend ist auch, wie das gesamte Umfeld, in dem wir leben/arbeiten, mit psychischen Erkrankungen umgeht. Wenn Führungspersonen sich selbst ständig überlasten, wird ohne Worte klar kommuniziert, dass hier Leistung wichtiger ist, als Gesundheit. Wenn wir alle hingegen anfangen über psychische Belastungen und Erkrankungen mit einer „Haltung des Erlaubens“ zu denken und zu sprechen, tragen wir nicht nur zur Entlastung Betroffener bei, sondern auch zur Prävention!

Wen wähle ich mir als Vorbild? Die Person mit der steilsten Karrierekurve, die es schafft, ein enormes Arbeitspensum aufrechtzuerhalten? Die Person, die es schafft, Zeit mit der Familie zu verbringen und Selbstfürsorge zu betreiben? Ist es nicht ein Zeichen von Stärke, wenn wir dafür sorgen, dass es unserer Psyche gut geht ?

Learnings to go:

  • Richtigen Rahmen finden: Unter vier Augen, mit genügend Zeit, an einem ruhigen Ort
  • Mit ehrlichem Interesse und Offenheit in das Gespräch gehen
  • Eigene Ziele und Emotionen vor dem Gespräch bewusst machen
  • Beobachtungen aus der Ich-Perspektive beschreiben und die Perspektive des Betroffenen mit offenen Fragen erfragen
  • Geduldig zuhören und Fragen stellen, statt Ratschläge erteilen
  • Hilfe nicht aufdrängen und vor allem Hilfe zur Selbsthilfe anbieten
  • Keine Diagnosen, Mutmaßungen und Verallgemeinerungen

Die richtigen Worte finden

„Ich finde es gut, dass wir uns die Zeit nehmen, in Ruhe zu sprechen. Wie geht es dir momentan?“

„Gibt es etwas, das dir die Arbeit aktuell erschwert?“

„Ich habe den Eindruck, dass du in letzter Zeit… Das kenne ich so noch nicht von dir. Ich weiß nicht, ob du diese Veränderung auch so wahrnimmst. Deshalb wollte ich mal mit dir darüber sprechen.“

„Hat sich denn aus deiner Sicht in letzter Zeit irgendetwas an deinem Verhalten verändert?“

„Ich möchte dir auf jeden Fall meine Unterstützung anbieten, sollte dich irgendetwas belasten.“ (z.B. Unterstützung sich Hilfe zu suchen)

„Ich weiß gerade gar nicht, was ich dazu sagen soll, aber ich bin froh, dass du es mir erzählt hast.“

„Ich verstehe, dass du aktuell nicht mit mir darüber sprechen möchtest. Ist es okay für dich, wenn ich dich in zwei drei Wochen noch einmal danach frage?“

„Das hört sich wirklich nicht leicht an. Danke, dass du das mit mir geteilt hast.“

„Gibt es etwas, worin ich dich unterstützen kann?“